Einführung

In jahrelanger Forschungsarbeit habe ich alle mir zugänglichen Beschreibungen und Darstellungen von Wirtschaftsverbrechen, auch künstlerischen, sowie die vielfältigen Versuche von Autoren durchforstet, dieses "Phänomen" möglichst rational - also auch theoretisch - zu erklären.

 

Für einen Einsteiger in das Problemfeld Wirtschaftsverbrechen ist es besonders interessant, dass schon in den ältesten Kulturen, zum Beispiel im alten Ägypten und Babylonien, bestimmte Wirtschaftspraktiken, insbesondere der Wucher, oftmals das Zinsnehmen überhaupt, verboten waren. Auch das Alte und das Neue Testament bieten dazu wichtige Informationen. Das Zinsnehmen, der Wucher, ist in allen wirtschaftlich höher entwickelten Kulturkreisen geregelt. Wo nicht völlig verboten, durch konkret genannte Obergrenzen in sozialverträgliche Schranken verwiesen.

 

Mit solchen Eingriffen moralischer und gesetzgeberischer Instanzen ins Wirtschaftsleben sollte verhindert werden, dass Mitglieder der eigenen ethnischen und ethischen Gemeinschaften (Sippen, Stämme, Völker, auch mehrere Völker umfassende Kultur- und Rechtskreise) in Not und Elend, zum Beispiel in die gefürchtete Schuldsklaverei geraten. Oder aber es schützten sich die Gesetzgeber selbst vor Wucherzinsen. Denn Pharaonen, Cäsaren, Könige, Fürsten erhoben nicht nur Steuern und verlangten Tribute unterworfener Völker, sie liehen sich auch schon in frühesten Zeiten Geld von den Reichen für ihre Luxusbauten, ihre Kriege und größeren Staatsaufgaben wie den Bau und den Erhalt von Bewässerungssystemen oder Straßen. Auch deshalb hielten sie es für angebracht, politischen Einfluss auf die Zinshöhe zu nehmen und sie nicht "dem Markt" zu überlassen.

 

Ähnliche Verbote finden sich auch im antiken Griechenland und Rom. Dann im christlich-feudalistischen Mittelalter. Daneben im Islam. Immer spielen Zins und Zinsverbot eine große Rolle. In der Neuzeit, also seit der Renaissance, als sich (in Oberitalien unter den Medici) erste ausgeprägte Formen des modernen Handelskapitalismus und das für ihn notwendige Kreditwesen auf dem europäischen Festland herausbildeten, gerieten gläubige Christen, die als Geschäftsleute schon grenzüberschreitenden Handel (Fernhandel bis Indien und China) trieben, immer wieder in schwere Gewissensnöte, weil ihnen nicht nur das Zinsverbot, sondern auch viele andere von einem Christen geforderten Beschränkungen seiner wirtschaftlichen Betätigung und privaten Bereicherung im Weg standen. Welcher wirklich gläubige Kaufmann wollte schon wegen des schnöden Mammons sein ewiges Leben aufs Spiel setzen?

 

Besonders die Zins- und Wucherverbote haben sich bis in unsere Gegenwart erhalten. Sie waren und sind Bestandteil ebenso der offenen kapitalistischen Diktaturen wie der rechtsstaatlichen Gesetzgebung kapitalistischer Demokratien. Das Zinsnehmen, insbesonders das Wuchern, gehörte vor allem in den vorindustriellen Agrargesellschaften zu den wichtigen Verboten, um Einfluß auf das Wirtschaftsleben, auch auf das Lohnniveau zu nehmen. Übertretungen waren verpönt, also nach unseren heutigen Begriffen schwere Sünden, aber auch nach weltlichen Gesetzen strafbar. Wer sich jedoch die Mühe macht, einmal im Hauptwerk des "Vaters" der modernen kapitalistischen Marktwirtschaft, Adam Smith (1723-1790), nachzulesen, wie er das Thema Zins behandelt, wird staunen. Der Begriff Wucher kommt bei ihm nicht mehr vor). Man nimmt zur Kenntnis, dass Smith den Zins nur noch als Preis für ausgeliehenes Geld, als "Kapitalgewinn" behandelt. Fairerweise erinnert er wenigstens an frühere Zinsverbote und Obergrenzen.

 

In vielen Kulturen galten und gelten - zumindest bei streng Gläubigen - noch immer die Götter oder der eine und einzige Gott als Gesetzgeber. Die heiligen Schriften enthalten deren Gebote und Verbote und fließen - wenn auch an den Zeitgeist und seine Bedürfnisse angepaßt - auch in die "weltlichen" Gesetze (schon des Hammurabi, aber auch in säkularisierte Verfassungen unserer Zeit) ein. Übertretungen werden im Namen der Götter oder des einen Gottes (das heißt, nicht, wie in kapitalistischen Demokratien, im Namen des Volkes) bestraft. Vieles aus archaischen, antiken und mittealterlichen Zeiten (ich habe die großen Kulturen des Fernen Ostens, so wichtig sie für dieses Thema sind, hier vorerst ausgelassen) ist von klugen Denkern kommentiert und auch kritisiert worden. Was sie über die Verbrechen der Reichen und Einflussreichen, die wir Wirtschaftsverbrechen zuordnen würden, gesagt, wie sie diese erklärt, verurteilt oder verharmlost haben, zeigt, dass es immer ein großes, weit über einzelne Staatsordnungen und Wirtschaftssysteme hinausreichendes Thema gewesen ist.

 

In meinen Studien (siehe dazu die Liste meiner Veröffentlichungen) habe ich gelernt, dass es in jeder Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung Wirtschaftsverbrechen im Sinne des Bruches von Geboten, Gesetzen, Regeln gab, dass die häufige und schwere Verletzung dieser Regeln immer zur Entstehung innergesellschaftlicher Ungleichheit und sozialer Konflikte führte. Wir erfahren dies aus den weithin bekannten und noch immer lehrreichen Mythen, wie denen über die Konkurrenz zwischen dem Ackerbauer Kain und dem Hirten Abel, aber auch aus Berichten über Sklavenaufstände, Standeskämpfe, Revolten, Reformen, Bürgerkriege und Revolutionen sowie Kriegen mit anderen Völkern. Sie hatten ihre Ursachen in der Versklavung, Ausbeutung und Entmenschlichung der Angehörigen eigener und fremder Bevölkerungen, der Unterdrückung und Zerstörung fremder Kulturen, die immer auch die Unmenschlichkeit, die Selbstentfremdung der jeweils obsiegenden herrschenden Klassen selbst voraussetzte und in die Extreme trieb.

 

Alle Versuche, solche Verbrechen rational zu erklären, bezeichne ich zunächst pauschal als „Theorien“, auch wenn es sich um solche aus nach unseren Begriffen vorwissenschaftlichen Zeiten handelt, eher Mytholgien sind. Erklärungen, die den in der Neuzeit sehr formalistisch, marktkonformistisch oder naturwissenschaftlich begründeten Anforderungen an Wissenschaftlichkeit und Fachkompetenz nicht genügen, philosophische, soziologische und kriminologische, sogar populärwissenschaftliche, nehme ich dennoch sehr ernst. Deren Autoren erweisen sich oft als klüger, das heißt weitsichtiger, denn die vom bürokratischen und technokratischen Wissenschaftsbetrieb "ausgelesenen", deutlicher gesagt, "handverlesenen" Experten.

 

Theorien über Wirtschaftsverbrechen sind seit den frühesten Anfängen bis in unsere Gegenwart unter verschiedensten weltanschaulichen und methodologischen Vorzeichen entstanden. Viele enthalten wichtige, weil immer noch richtige, also über die einzelnen historischen Epochen hinaus gültige Aspekte. Sie können alle zum besseren Verständnis der kriminellen Ökonomie unserer Zeit und damit ihrer wirksameren praktischen Bekämpfung beitragen. Eine allgemeine Theorie, die die verschiedensten Erscheinungsformen dieser Verbrechen unter Berücksichtigung sozialer und ökologischer Aspekte zusammenführt und die dem zum imperialistischen Weltkapitalismus aufgestiegenen politisch-ökonomischen System der mal mehr, mal weniger freien „Marktwirtschaften“ angemessen wäre, gibt es bisher nicht.

 

Es lässt sich unter den kapitalfrommen Marktwirtschaftlern (Ökonomen, Juristen, Politikern, Journalisten, Wissenschaftlern, Kulturpäpsten) nicht einmal eine Einigung über einen Begriff von Wirtschaftskriminalität erzielen. Einigen können sie sich allenfalls darauf, dass Wirtschaftsverbrechen der Wirtschaft schaden. Daher lassen entschiedene Verteidiger der Freiheit des Eigentums an Produktionsmitteln und anderem Kapital nur zwei Begründungen für die Einführung wirtschaftsstrafrechtlicher Regelungen gelten: Sie sollen erstens den Selbstzerstörungsprozessen der Praxis des Systems entgegenwirken, zugleich aber, also zweitens, auch den Systemgegnern, die einzelne Systemmängel zum Vorwand nehmen, das ganze Wirtschaftssystem in Frage zu stellen, es sogar abschaffen wollen, eine klare Absage erteilen. So formulierte es am 14. Juni 1973 der später tief in den Flick-Parteienspendenskandal verwickelte und wegen Steuerhinterziehung vorbestrafte FDP-Wirtschaftsminister der Regierung des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, Hans Friederichs, vor dem Plenum des Deutschen Bundestags.

 

Nach wie vor herrscht - was die Definition von Wirtschaftskriminalität betrifft - das schon vor mehr als drei Jahrzehnten von Karl-Hans Liebl beklagte „Definitionswirrwarr“. Wer sich in dieses ideologisch bedingte Problem der babylonischen Sprachverwirrung vertieft, wird höchstwahrscheinlich - wie ich auch - zu dem Ergebnis kommen, dass weder von staatlicher noch von unternehmerischer Seite ein Interesse besteht, sich auf eine inhaltlich zutreffende und funktional zuverlässige Definition von Wirtschaftskriminalität zu verständigen. Das würde nämlich erfordern, eine - faktisch nicht mögliche - Abgrenzung zur Organisierten Kriminalität zu konstruieren, also die bislang tapfer aufrecht erhaltene Fiktion aufzugeben, diese Trennung sei nicht nur in der Gesetzgebung und in der Strafverfolgung, wo sie Sinn macht, sondern auch in der Wirklichkeit des Wirtschaftslebens möglich. Das ist sie leider nicht!

 

Selbstverständlich muss eine „Allgemeine Theorie der Wirtschaftsverbrechen“ nicht nur die vorhandenen historischen Erfahrungen und Überlieferungen, nicht nur die vielfältigen Erscheinungsformen dieser Verbrechen, die - wie Umwelt- und Finanzmarktkriminalität - in unserer Gegenwart dominant sind, sondern auch neuere und künftige Entwicklungen wie die – im weitesten Sinne des Wortes verstandene – Wissenschafts- und Cyberkriminalität unserer zunehmend digitalisierten Produktion und Kommunikation berücksichtigen. Aber der Ehrgeiz der dazu berufenen Historiker, Sozial- und Rechtswissenschaftler, sich an einem wissenschaftlichen Diskurs über eine Theoriebildung in dieser Richtung wenigstens zu beteiligen, hält sich offensichtlich in sehr engen Grenzen. Alle, die sich dazu äußern, schreiben wieder und wieder von irgendwelchen anderen ab, was seit Jahrzehnten dazu geschrieben wurde, dass sich nämlich die Vielfalt und der schnelle Wandel dieser Verbrechen nicht auf einen Nenner bringen ließen. Das bestreite ich!

 

Es gibt nicht einmal eine sachliche und fachliche Diskussion über die Notwendigkeit einer allgemeinen Theorie der Wirtschaftskriminalität, geschweige den über den Gesamtkomplex Wirtschaftsverbrechen. Man versteht es vielleicht, wenn man einmal überprüft, wie viele Wirtschaftskriminologen oder Kriminalsoziologen, die sich ausschließlich mit dem Thema Wirtschaftskriminalität befassen, an deutschen und europäischen Universitäten gibt. Man kann sie an einer Hand abzählen. Dagegen gibt es eher zu viele, die sich mit der Alltags- und Ausländerkriminalität, meist unter dem Deckmantel der Forschung über Organisierte Kriminalität und Terrorismus versteckt, oder mit der Bestechlichkeit von Politikern, Abgeordneten und Beamten befassen, die - schlampig definiert - als "Korruption" bezeichnet wird. Die aktive Bestechungspolitik der Konzerne wird in diesem Rahmen, wenn überhaupt, allenfalls am Rande erwähnt. Kein Wunder, dass sich Journalisten ihre eigenen Theorien zusammenschustern und damit den vorhandenen Theoriebedarf der Bevölkerung mit den abstrusesten Verallgemeinerungen sättigen. Vergessen wird, dass in der Regel besticht, wer Geld hat und sich zu seinem Vorteil die gesetzlichen Hindernisse zur Seite räumen lassen will, die bestimmte Geschäfte aus Gründen des Allgemeinwohls und sozialer Gerechtigkeit entweder ganz verbieten oder nur unter Einhaltung von strengen Spielregeln zulassen.

 

Die Erkläungsansätze und Definitionen, die ich seit Jahrzehnten in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen versuche, weil sie zu Auseinandersetzungen über Wirtschaftsverbrechen wie zu den notwendigen Theoriedebatten herausfordern, also hervorragend geeignet wären, einen zeitgemäßen Aufklärungsprozess zu fördern, werden entweder missdeutet oder eisern totgeschwiegen. Es gibt so gut wie keine Widerlegungsversuche meines Theorieansatzes. Aber nicht nur die ausdrückliche Zustimmung, was noch verständlich ist, die Debatte überhaupt wird konsequent verweigert. Das ist im gefährlichsten Sinne des Wortes irrational. Nicht einmal der eindrucksvolle Ansatz zu einer solchen Theorie, den schon 1949 der US-Kriminalsoziologe Edwin H. Sutherland auf Grundlage empirischer Studien unter der Überschrift „White Collar Crime“ lieferte, wurde von den allseits anerkannten Agnostikern unter den Kriminologen und sonstigen Experten anerkannt.

 

Im Gegenteil: Sutherlands Theorieansatz wurde durch völlig unpolemische "kollegiale Abwertungen" langsam, sicher und sehr weitgehend aus dem wissenschaftlichen Diskurs über Wirtschaftsverbrechen hinausmanövriert. Dankenswerterweise haben die in Washington D.C. arbeitenden investigativen Journalisten Russel Mokhiber und Robert Weissmann, die in der Tradition des Verbraucheranwalts Ralf Nader stehen und das Forschungsdefizit in Sachen "corporate crime" (Konzernkriminalität) kritisieren, wenn sie die Lage der gegenwärtigen Wirtschaftskriminologie (Corporate Criminology) meinen, von einem „akademischen Sibirien“ gesprochen. Sie verweisen auch auf die kanadische Kriminologin Laureen Snider, die auf dem Kongress zum 50jährigen Bestehen der Amerikanischen Gesellschaft für Kriminologie ein Referat mit der Überschrift hielt: „Die Soziologie der Konzernkriminalität: Ein Nachruf“. (Russel Mokhiber / Robert Weissman, Corporate Predators – The Hunt for Mega-Profits and the Attac on Demokrazy, Common Courage Press, Monroe, Maine, 1999., S.25ff.

 

Meine Arbeitsmethoden und -ergebnisse, die ich über diese Website einer an "Expertenklüngeln" und geschlossenen Zitiergesellschaften vorbei einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und verständlich zu machen versuche, sehe ich als Beitrag, den Pessimismus, der im "Nachruf" Sniders auf die Wirtschaftskriminologie steckt, mit vorsichtigem Optmistismus in einen "Aufruf", man kann auch sagen, einen "Weckruf" zu verwandeln.

 

Es gibt - was jeder daran Interessierte leicht überprüfen kann - seit Erscheinen meines Buches  „Kapital-Verbrechen“ (2. Auflage, Frankfurt, April 1992) und der damit in Zusammenhang stehenden Gründung der Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control (März 1991) zumindest für den deutschsprachigen Raum einen an Sutherland, aber auch an Jean Ziegler und andere herausragende Konzern- und Bankenkritiker anknüpfenden Versuch, eine solche Theorie der Wirtschaftsverbrechen, ich spreche heute lieber von einer Theorie der kriminellen Ökonomie, auf der Grundlage eigener praktischer Erfahrungen und der Teilnahme an politischer Kämpfen gegen Missbrauch wirtschaftlicher Macht zu entwickeln. Einige Höhepunkte dieser politischen Kämpfe seien erwähnt. Es waren die von mir mit initiierten Aktionstage des „Bündnisses gegen Bankenmacht“ (im Juni 2001), die Aktion „Rettet die U-Bahn“, beide in Frankfurt am Main, sowie die Demonstration zur Freilassung des Whistleblowers Gustl Mollath: „Statt Psychiatrie mehr Demokratie“ vor dem Justizministerium in München.

 

Diese Website, die den Problemkomplex Wirtschaftsverbrechen theoretisch erschließt und die praktischen Kämpfe, die auch nur annähernd mit dem Thema zu tun haben, kritisch-solidarisch begleitet und unterstützt, gibt es schon seit den frühen 1990er Jahren. Daneben habe ich seit 1993 die vierteljährlich erscheinende Mitgliederzeitschrift gegründet, die anfangs unter dem Titel „BCC-Info“ erschien und seit Heft 4/2004 unter dem Titel „BIG Business Crime“ (kurz: BIG) firmiert. Da meine Nachfolger im Vereinsvorstand sich zu meinem Bedauern von dieser Website getrennt haben, habe ich sie übernommen und betreibe sie nun unabhängig von BCC weiter. Ich betone: Im Geist ihrer Gründergeneration. Nun hat der BCC-Vorstand die Absicht, auch das Printformat der Zeitschrift "BIG Business Crime" einzustellen und eine Online-Ausgabe als Ersatz anzubieten. Es versteht sich, dass damit für mich als Vereins- und Zeitschriftengründer sowie "BCC-Ehrenvorsitzender" kein Anlass besteht, diese Entwicklung auf dieser Website zu unterstützen. (Hier zu meinem Bericht über die lehrreiche Geschichte dieser Website und die Hintergründe der Änderungen).

 

Es sei hier darauf verwiesen, dass es ungezählte, von mir initiierte oder unterstützte Veranstaltungen, Demonstrationen, Diskussionen, theoretische Reflexion auf BCC-Fachtagungen gab, die ausdrücklich der wirtschaftskriminologischen Theoriebildung dienten. Es gab sogar teils heftige, auch gerichtliche, Auseinandersetzungen über Meinungsäußerungen von BCC-Mitgliedern und Mitarbeitern zum Thema, mehrere Bücher, viele Aufsätze und kritische Rezensionen von Büchern, die - soweit sie von mir verfasst wurden, ausnahmslos - im Zeichen der Entwicklung einer allgemeinen Theorie der Wirtschaftsverbrechen dienten. Einen großen Schritt nach vorn bedeutete es, als ich zu der Einsicht  gelangte, dass es besser sei, im Zusammenhang mit diesem Ringen um eine kritische Theorie nicht mehr die Wirtschaftskriminalität und die Wirtschaftsverbrechen in den Vordergrund zu rücken, sondern die „kriminelle Ökonomie“.

 

Damit ist seit einigen Jahren eine Abstraktionsebene erreicht, die es jedem ermöglicht, die von mir entwickelten Theoreme an den Theorien der klassischen politischen Ökonomie und deren Kritik durch Marx, Engels und die organisierte internationale Arbeiterbewegung kritisch zu überprüfen. Soweit sie einer solchen Überprüfung standhalten und Karriereerwägungen, die leider oftmals notwendige Einsichten blockieren, es zulassen, müsste es den vielen nach Themen suchenden Nachwuchswissenschaftlern, aber auch den informellen Zirkeln sozialwissenschaftlicher Zitiergemeinschaften, von denen viele zweifelsfrei zu den progressivsten Kräften dieser Gesellschaft gehören und mit meiner uneingeschränkten Unterstützung rechnen können - ohne Ansehensverlust möglich sein, ihre kapitalismuskritischen Diskurse um den bisher ausgeblendeten Bereich der kriminellen Ökonomie zu erweitern. Wenn dies mit dieser Website gelänge. hätte sie ihren Hauptzweck erfüllt.

 

Um diesen Schritt - auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs - zu erleichtern, habe ich meine theoretischen Überlegungen zu den Verbrechen der Wirtschaft mit historischen Quellen und Erklärungen von meist bekannten Denkern und Dichtern untermauert. Denn schon die Ursprungsmythen verschiedener Kulturen sind voll von anregenden, aufregenden und aufklärenden Hinweisen auf Fakten und Vorstellungen, die die Neuzeit mühelos in die jeweilige „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ der Kulturen, für die sie stehen, einordnen können. Das gilt auch für die kritischen Äußerungen und Erklärungen, die den Mythen teils schon entwachsenen Schriftsteller noch vorwissenschaftlicher Zeiten gaben. Daher kann es kaum noch überraschen, wenn ich hinzufüge, dass auch die Erkenntnisse und Erfahrungen im Zeitalter der "bürgerlichen" (profitorientierten) und "proletarischen" (auf Existenz, sprich Lohn und Arbeitsrechte fokussierte) Aufklärung, die wir  der Neuzeit zuordnen, oft so neu gar nicht sind.

 

Auch der unaufhaltsame Siegeszug der "exakten" Naturwissenschaften und die auf ihnen beruhenden unglaublichen technischen und medizinischen Fortschritte, die in den letzten Jahrzehnten durch die Digitalisierung des natürlicherweise analogen Lebens noch einmal - scheinbar in Uferlose - gesteigert werden, bleiben letztendlich an das zutiefst in Kulturen und Geschichte der Menschheit verankerten Formen des Denkens, der Empfindungen und der Gefühle gebunden. Die den positiven Wissenschaften immenante Asozialität, so verführerisch sie nahezu jedem erscheint, wenn sie auch noch von Politik, Wirtschaft und Kulturinduistrie ermutigt und belohnt wird, kann nie zur dauerhaften friedlichen Grundlage menschlichen Zusammenlebens, und schon gar nicht des Überlebens der Gattung Mensch werden. Wer auch immer diesen Unsinn propagiert.

 

Es ist daher aus meiner Sicht ganz sicher: Eine allgemeine wissenschaftliche Theorie über Ursachen, Entwicklungen, Strukturen und Folgewirkungen von Wirtschaftsverbrechen, die die Ursachen der Asozialistät dieser Verbrechen aufdeckt und damit bekämpfbar macht, ist dringend notwendig. Wie die Medizin ohne zutreffende Diagnosen keine erfolgreichen Therapien anzubieten hätte und in Bereichen, in denen sie noch keine praxisrelevante Diagnose worweisen kann, selbst dümmsten Quaksalbern großen Entfaltungsraum bietet, bedürfen alle Kräfte der Gesellschaften, die ihr materielles, soziales und psychisches Wohlergehen nicht den Verbrechen der Wirtschaft zu verdanken haben möchten, die Ursachen der Wirtschaftsverbrechen kennen. Zumindest die, die halbwegs begriffen haben, dass es nahezu unmöglich ist, durch eine noch so vernünftige Gesetzgebung die vielen Gefahren, die von der Konzernwirtschaft für Mensch und Natur, Demokratie und Kultur ausgehen, abzuwenden. Das aber muss in absehbarer Zeit gelingen, möglichst bevor die sozialen und ökologischen Systeme vergiftet zusammenbrechen und der totale Wirtschaftskrieg, der ein Krieg aller gegen alle ist, der Gattung Mensch vorzeitig ein Ende bereitet.

 

Von der Qualität einer allgemeinen Theorie der kriminellen Ökonomie wird es abhängen, ob die berechtigte Forderung nach mehr Demokratie eine Chance hat, dieses Mehr in die noch immer demokratiefreien Chefetagen der Konzerne hineinzutragen. Schon eine allgemein akzeptierte Theorien kann unmöglich von einem Einzelnen hervor- und zur Geltung gebracht werden. Sie ist immer das Ergebnis einer breiten, und - logischerweise - immer breiter werdenden Bewegung. Die so genannte bürgerliche Aufklärung mit ihrer individualistischen Liberalismustheorie war eine solche. Ist es da und dort noch immer. Die marxistische, auch proletarisch genannte, Arbeiterbewegung, die eine emanzipatorische Aufklärungsbewegung breitester Massen war, basierte auf einer von den Massen, die ihr ein Klassenbewusstsein vermittelte, mitgetragenen Theorie.

 

Beiden Theorien verdankt die Menschheit große historische Fortschritte. Die Frage, die beide Aufklärungen nicht beantworten konnten oder wollten, ist die nach der Kriminalität der herrschenden Klassen. Die klassischen Marktwirtschaftler setzten auf die Selbstregulation der Marktkräfte, die klassischen Marxisten auf den Plan. Beide rechneten nicht mit denen, die sich weder von den Gesetzen des Marktes noch von denen der Planbürokratie beeindrucken lassen, sondern sich an den Gesetzen vorbei hemmungslos bereichern und mit ihrem Reichtum Systeme schaffen, in denen sie straflos, weil angeblich im Namen der Volkes oder der Arbeiterklasse, ihre Praxis fortführen oder sogar ihre Räubereien legalisieren lassen können. Das funktioniert, wenn es gelingt, der Masse den Eindruck zu vermitteln, etwas von der Beute abzubekommen.

 

Der absolut freie Markt hat sich als Irrtum herausgestellt, seine durch alte und neue soziale Bewegungen erzwungene soziale und ökologische Regulierung wird aber von Abenteuerkapitalisten und notorischen Gangstern systematisch unterlaufen. Ebenso aber von seriösen Managern und Aufsichtsratsmitgliedern. Es sind die Gesetze, die den Verbrecher hervorbringen, sagen die Verbrecher. Was aber, wenn Verbrecher die Gesetze machen? Ein solcher Fall tritt keineswegs nur ein, wenn Obristien, Putschisten, Faschisten die Macht ergreifen. Dies kann - wie inzwischen jedes Kind weiß - ebenso geschehen, wenn Linke, wenn Sozialrevolutionäre und führende Köpfe marxistischer Parteien die Macht erobern. Zumal ihnen die stets präsenten Konterrevolutionäre plausible Gründe liefern, "Säuberungen" vorzunehmen, auch wenn diese am Ende der Beseitigung von Konkurrenten dienen.

 

Die berechtigte Frage nach der Bedeutung einer Theorie der kriminellen Ökonomieals Kernbereich einer dritten, postbürgerlichen und postkommunistischen Aufklärung ist, ob die unfassbaren Opfer der natürliche Preis der Fortschritte waren oder sein mussten, die diese weltgeschichtlich bedeutsamen Aufklärungen zweifelsfrei mit sich brachten. Wenn ja, muss man fragen, ob die garantiert steigenden Preise auch weiterhin gezahlt werden können. Ob die Mehrheit der Menschen diese Preise weiterhin zu zahlen bereit sind. Beide großen Aufklärungen sind noch immer lebendig, stehen sich als Konkurrenzbewegungen gegenüber. Dies vor allem, weil sich gesellschaftliche Entwicklung nicht gleichzeitig und nicht gleichermaßen in allen Gesellschaften, Staaten und Erdteilen vollzieht und vollziehen kann.

 

Aber die "bürgerliche" Aufklärung, die bekanntlich nur die selbstverschuldete, und die "proletarische", die nur die fremdverschuldete Unmündigkeit überwinden wollte, werden, bei allen Fortschritten, die sie in der bisherigen Geschichte erkämpfen konnten, letztendlich scheitern, soweit sie es noch nicht sind, wenn sie die kriminelle Seite der Ökonomie, die einfach die anarchische Kehrseite der Wirtschaftsregulierung ist, aber inzwischen schon einem globalen Untergrundkapitalismus hervorgebracht hat, weiterhin als unbedeutenden Nebenwiderspruch behandeln. Er ist aber nicht unbedeutender als der Nebenwiderspruch, der inzwischen zum offenen Geschlechterkampf zu eskalieren droht, und nicht unbedeutender, als die Widersprüche zwischen Fremden (Flüchtlingen, Vertriebenen, sonstigen Minderheiten), die sich unter den wirtschaftlichen Krisenbedingungen zu Bürgerkriegen entwickeln können.

 

Die Realisation verschiedener Formen und Inhalte bürgerlicher Aufklärung hat in der bisherigen Geschichte verschiedene Formen bürgerlicher Herrschaft angenommen. In den Frühphasen die eines ungezügelten Wirtschaftsliberalismus (meist offene Diktaturen des noch vorherrschend nationalen Kapitals), später, zur Abwehr von Maximalforderungen der marxistischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, gelang es, einen christlich-liberalen (marktwirtschaftlichen) oder - etwas später - einen sozialdemokratisch, das heißt sozialstaatlich geregelten Kapitalismus zuzulassen. Wo immer jedoch eine echte oder auch nur eingebildete Gefahr heraufzog, die Arbeiterklasse könne die Staatsgewalt übernehmen, sei es mittels freier Wahlen oder revolutionärer Gewalt, aber auch, um ein deutliches Zeichen der Unantastbarkeit der Kapitalmacht zu setzen, hat die Kapitalistenklasse (mit Hilfe demagogisch fantaisierte Massen) Systeme offener Gewalt installiert. Sie hat Obristenherrschaften, bonapartistische oder faschistische Diktaturen errichtet, ja sie hat, nach meinem Theoriemodell, Wirtschaftsverbrechen sogar Verfassungsrang verliehen.

 

Die proletarische Aufklärung, die Reaktionären und Wirtschaftsliberalen den wichtigsten Vorwand für ihre Repressionspolitik lieferte, weil sie die fremdverschuldete Unmündigkeit, das heißt die kapitalistische Fremdbestimmung der Arbeiterklasse beenden wollte, hat ebenfalls ihr großes humanistisches Ziel verfehlt. Denn es waren nicht nur die vielen äußeren Feinde, die den furiosen revolutionären Start im Jahre 1917 von Anfang an zum Scheitern bringen wollten (zumal sie ihn deutsche militaristische Reaktionäre zunächst ermöglichsten). Es waren auch die "Diebe im Gesetz", wie sie genannt wurden, das heißt, nicht unerhebliche Teile der sowjetischen Ordnungsmächte selbst, die das System zum Einsturz brachten.

 

Diese kommunistische Periode der Weltgeschichte sollte man rückblickend als nachgeholte "ursprüngliche Akkumulation" unter kommunistischen Vorzeichen betrachten. Die von Marx und Engels prognostizierten sozialistischen Revolutionen fanden nämlich nicht dort statt, wo sie der materialistischen Geschichtstheorie nach hätten stattfinden sollen, können, ja sogar müssen, nämlich in den höchst entwickelten kapitalistischen Staaten. Nein, sie glangen in den großen, ganze Kontinente umfassenden, damals wie heute noch stark landwirtschaftlich geprägten Staaten wie Rußland (1917) und China (1948). Hier errichteten die kommunistischen Parteien Entwicklungsdiktaturen, die sich gegen innere wie äußere "Feinde" lange Zeit behaupten und in diesem Stresszustand die Masse der Menschen alphabetisieren und an die säkularisierte Moderne heranführen konnte, oft auch heranzwingen musste.

 

Doch dies nur so lange, bis sie neben dem nie nachlassenden äußeren Druck seitens der kapitalistischen Demokratien, der inneren, von den kommunistischen Parteien selbst und deren Kadern in der Wirtschaft mit äußerster Härte vorangetrieben Entwicklung Rechnung tragen und die den gehobenen Ansprüchen der Bevölkerungen nicht mehr genügende staatliche Planwirtschaft liberalisieren, sie durch Privatisierung, Deregulierung und Duldung der fortschreitenden Individualisierung abbauen und sie durch eine autoritäre Form des Staatskapitalismus ersetzen mussten. Zu erhellen, welche Rolle in diesem Gesamtprozess die Verbrechen der Wirtschaft, vor allem der Kader der Staatskonzerne, spielten, gehört zum Kernbereich dessen, was ich als Dritte Aufklärung bezeichne.

 

Es ergibt sich, weil nicht nur die Staats- und Wirtschaftstheorien des aufgeklärten Bürgertums, sondern auch der dialektische und historischen Materialismus von Marx, Engels und Lenin (mit der auf industriell noch unterentwickelten Länder zugeschnittenen Auslegung) in seinen staatstheoretischen Teilen und seiner Kritik der politischen Ökonomie diesen einen, wie sich später zeigte, sehr wesentlichen Aspekt der Emanzipation des Menschen, der Überwindung der Fremdbestimmung, nach wie vor ignorieren, unterschätzen oder unterschlagen. Weder die bürgerlichen noch die sozialistischen Aufklärer nehmen in ihren Gesellschaftsanalysen oder Krisenerklärungen zur Kenntnis, dass es eine Kriminalität der Reichen und der Superreichen, aber auch der mächtigen Produktionsmittelverwalter gibt. Es war Adorno, der sagte wovon eine Theorie absehe, das  mache ihre Qualität aus. Wer heute sagt: Abgesehen von der kriminellen Seite der heutigen globalisierten Ökonomie, hat der Hunger in der Welt mit der ungerechten Verteilung der weltweit produzierten Nahrungsmittel Güter zu tun, hat zwar recht, blendet aber einen der wichtigsten Faktoren der ungleichen Verteilung von Vermögen und Macht und damit der Ursachen der ungerechten Verteilung aus.

 

Wer sich für die hier vertretene Dritte Aufklärung interessiert, muss nicht und sollte nicht auf dem "bösen" Kapitalismus allein herumreiten. Denn Wirtschaftsverbrechen gab es, wie schon hervorgehoben, bisher in allen Systemen, in den so geannten hydraulischen Gesellschaften (mit Bewässerungswirtschaft), in antiken Sklavenhaltergesellschaften, im Feudalismus, selbstverständlich im Kapitalismus, aber eben auch im real existierenden Sozialismus. In diesem ist zwar keiner mehr verhungert, aber viele mussten erleben, dass auch hier die Verteilungsgerechtigkeit durch wirtschaftskriminelle Manipultionen unterlaufen wurden. Einem Gleichheitsozialismus oder Kommunismus wird nicht verziehen, was im Kapitalismus, weil es theoretisch jedem ermöglicht, Ausbeuter zu werden, gerade noch hingenommen wird.

 

Es ist daher erforderlich, zwar auf das jeweilige System bezogen, aber nicht auf eines festgelegt, alle Bedingungen zu berücksichtigen, eben nicht nur die zweifelsfrei zentrale Bedingung der Eigentumsrechte, die von frei gewählten Parlamenten allen Privatpersonen eingeräumt werden. Denn nicht nur das Privateigentum, auch das Gemeineigentum (zum Beispiel von Genossenschaften) wird von Menschen verwaltet und kann - wenn die notwendigen demokratischen Kontrollen oder mutige Whistleblower fehlen - ohne große Mühe missbraucht werden. Ich werde dazu Belege bringen.

 

Frankfurter Erklärung der Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control e.V. von 1996*